Medikamente und Obst

Es gibt viele Möglichkeiten, Gicht mit Medikamenten zu behandeln. Dabei kann man leicht den Überblick verlieren: Wie wirken Schmerztabletten, Cortison, Colchicin oder Allopurinol bei Gicht? Welche Medikamente gegen Gicht helfen wirklich? In diesem Artikel erklären wir alles, was man über Tabletten und Salben bei Gicht wissen sollte – über die richtige Einnahme, Wirkung, Nebenwirkungen und Alternativen.

Gichtmedikamente – Behandlung einer Volkskrankheit?

Wer mit starken, plötzlichen Gelenkschmerzen im großen Zeh zum Arzt geht, hat gute Chancen die Diagnose „akuter Gichtanfall“ zu erhalten. Denn Gicht ist die häufigste Ursache für eine Gelenkentzündung bei Erwachsenen, noch vor Rheuma, und muss entsprechend behandelt werden. Man schätzt, dass durchschnittlich 1,4% der Deutschen an einer Gicht-Arthritis leiden (Arthritis = Gelenkentzündung).1 Mit steigendem Alter steigt auch die Anzahl der Betroffenen, die an einer Gichtattacke in Gelenken am Fuß, im Knie oder in der Hand erkranken.

Viel zu oft muss es beim Arzt dann schnell gehen – und schon steht man mit einem Rezept in der Hand wieder auf dem Flur. Für eine ausführliche Beratung zu den „Standardmedikamenten“ fehlt vielen Hausärzten die Zeit. Wer als Betroffener oder als Angehörige mehr zur Therapie der Gicht erfahren möchte, muss sich selbst informieren. Die Erfahrung zeigt: Wer seine Erkrankung versteht, kann sie besser bekämpfen!

Medikamente beim akuten Gichtanfall

Die Behandlung eines Gichtschubs unterscheidet sich von der Langzeit-Therapie der Gicht. Während eines Gichtanfalls schmerzt das Gelenk extrem, ist heiß, gerötet, geschwollen, kaum benutzbar. Das sind die klassischen Zeichen einer Entzündung im Gelenk.

Das Behandlungsziel beim akuten Gichtanfall ist dementsprechend:

Das bekämpft noch nicht die Ursache der Gicht – die erhöhte Harnsäure im Blut – sondern erstmal die Symptome.

Schmerzlinderung bei Gicht: kein Alkohol, kühlen, Fuß hochlagern

Ein typisches Behandlungsschema, das Hausärzte in Deutschland beim akuten Gichtanfall verschreiben, sieht so aus:

  • Prednisolon 10mg Tabletten (morgens)
    Tag: 4 Tabletten, 2. Tag: 3 Tabletten, 3. Tag: 2 Tabletten, 4. Tag: 1 Tablette
  • Naproxen 500mg 1-0-1 (morgens und abends eine Tablette)
  • Omeprazol 20mg (morgens)

Diese Kombination soll den Gichtschmerzen ein schnelles Ende bereiten und Linderung verschaffen. Wer bereits Hausmittel bei Gicht ohne Erfolg ausprobiert hat, dem könnten diese Medikamente helfen.

Aber aufgepasst: Durch die Kombination der ersten beiden Medikamente besteht ein höheres Risiko für Magengeschwüre. Darum sollte man sie immer mit einem „Magenschutz“ – dem dritten Medikament in der Liste – kombinieren.

1.      Akuter Entzündungshemmer: Cortison

Das erste Mittel gegen den Gichtschub ist Cortison, das nach dem oben beschrieben Schema am ersten Tag in höherer Dosierung genommen wird. Die Wirkung tritt schnell innerhalb weniger Stunden ein. Danach wird es über einige Tage „ausgeschlichen“, das heißt die Menge der Tabletten wird jeden Tag um eine Tablette reduziert. Bis die Entzündung ganz zurückgegangen ist, sind einige Tage nötig. Von den zahlreichen Wirkungen von Cortison Tabletten ist bei Gicht die entzündungshemmende Wirkung entscheidend.

Cortison (auch Kortison) ist als Medikament für sehr viele Erkrankungen bekannt und oft sehr umstritten, dabei handelt es sich um eine Nachahmung des körpereigenen Hormons Cortisol. Es gibt zahlreiche Varianten dieses Wirkstoffs, die unter dem Fachbegriff der Glukokortikoide (Glucocorticoide) zusammengefasst werden.

Bei Gicht wird meist Prednisolon verschrieben, welches eine künstlich hergestellte Version des Cortisols ist. Im Vergleich zu anderen Glucocorticoiden hat Prednisolon eine kurze Wirkdauer und eher schwache Wirkungsstärke. Es ist dennoch 4x effektiver als das körpereigene Cortisol und wird darum in niedrigeren Mengen gegeben.

Hat Cortison Nebenwirkungen?

Aber hat Cortison nicht starke Nebenwirkungen? Bei einem akuten Gichtschub, bei dem man das Medikament nur wenige Tage einnimmt und schon ab dem zweiten Tag die Dosis verringert, sind keine schweren Nebenwirkungen zu erwarten. Wenn man aber zu viel davon zu lange einnimmt, können schwere Nebenwirkungen auftreten (Cushing-Syndrom). Der Nutzen des Medikaments muss dann unbedingt gegen die Nebenwirkungen abgewogen werden.

Also: Cortison-Tabletten nicht auf eigene Faust länger einnehmen!

Außerdem gibt es bestimmte Vorerkrankungen, bei denen der Hausarzt eher von der Gicht-Therapie mit Cortison-Tabletten absehen wird. Dazu gehören z.B. Diabetes und Infektionen. Denn der Zuckerstoffwechsel und das Immunsystem sollen nicht weiter durch das Kortison gestört werden.

Dosierung und Einnahme von Cortison beim Gichtanfall

Die richtige Dosierung beim Gichtanfall wird der Hausarzt den Empfehlungen entsprechend festlegen oder an das Körpergewicht anpassen. Bei starkem Übergewicht muss eventuell höher dosiert werden. Eine Leitlinie für Hausärzte empfiehlt z.B. 40mg Prednisolon als Tablette am ersten Tag zusammen mit der Schmerzmittel-Kombination, dann drei Tage je 10mg weniger.

Alternativ kann der Hausarzt statt der Kombination auch fünf Tage lang nur 40 mg Prednisolon verschreiben, z.B. wenn man auf Schmerzmittel verzichten möchte oder muss (siehe unten).

Bei Gicht wird keine Kortison-Spritze ins Gelenk gegeben, um kein Risiko für zusätzliche Infektionen zu schaffen. Die Cortison Injektion ist anderen Gelenkschmerzen und anderen Fachärzten vorbehalten.

Bei der Einnahme der Cortison-Tabletten ist wichtig, dass man sie immer morgens einnimmt. In den frühen Morgenstunden ist der natürliche Cortisol-Spiegel am höchsten, während er abends immer mehr abfällt. Um den Körper nicht aus seinem Rhythmus zu bringen, sondern ihn darin zu unterstützen, ist eine möglichst frühe Einnahme (z.B. vor 8 Uhr) empfehlenswert.

2.      Akute Schmerzmittel: NSAR

Gichtschmerzen können extrem stark werden, was die frühe Einnahme von Schmerzmitteln sinnvoll macht. Empfohlen werden dafür Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR (= Nicht-Steroidale-Anti-Rheumatika, bzw. auf Englisch NSAID = non-steroidal anti-inflammatory drug). Diese Schmerzmittel haben den Vorteil, dass sie zusätzlich auch entzündungshemmend wirken.

Es gibt eine große Auswahl an NSAR-Wirkstoffen und Marken, vieles davon rezeptfrei in der Apotheke. Aber was ist das beste Schmerzmittel gegen Gicht? Tatsächlich unterscheiden sich die verschiedenen Tabletten nicht so sehr. Man entscheidet eher nach Nebenwirkungen und Wirkungsdauer. Am bekanntesten sind

  • Ibuprofen
  • Diclofenac
  • Naproxen.

Bei der Auswahl und der Dosierung sollte man sich einmal vom Hausarzt beraten lassen. Die Tageshöchstdosis ist unterschiedlich, je nach Schmerzmittel und nach Nierenfunktion.

Das bekannteste Schmerzmittel aus der Kategorie der NSAR ist zwar Aspirin, allerdings sollte man kein Aspirin bei Gicht einnehmen. Ein anderer Name für den gleichen Wirkstoff ist ASS, was sich unter dem Namen „ASS 100“ bei sehr vielen Menschen im Medikamentenschrank wiederfindet. Es kann das Gicht-Risiko erhöhen, denn es behindert die Harnsäure-Ausscheidung in der Niere. [Zhang et al. 2014]

Wirkung von Schmerzmitteln bei Gicht

Wie genau helfen Schmerzmittel gegen den Gichtanfall? Beim akuten Gichtanfall bekämpft das Immunsystem ein Gelenk, wenn sich dort durch länger erhöhte Harnsäure-Spiegel winzige Harnsäurekristalle abgelagert haben. Die harten, spitzen Ablagerungen, die auch Uratkristalle genannt werden, reizen das Gelenk und lösen die heftige Entzündung aus. Die Wirkung der NSAR-Schmerzmittel bei Gicht beruht auf der Hemmung eines entscheidenden Enzyms, das für die Verstärkung von Entzündungen und Schmerzsignalen zuständig ist.

Schmerzmittel bekämpfen nicht die Ursache des Gichtanfalls (erhöhte Harnsäure), sondern unterbinden die extrem schmerzhafte Entzündung im Gelenk.

Jedes Mittel mit einer Wirkung zeigt auch Nebenwirkungen. Bei Schmerztabletten wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen sind das

  • Magen-Darm-Probleme, z.B. Übelkeit, erhöhtes Risiko für Magengeschwüre
  • Nierenschädigung

Man sollte diese Medikamente also nicht unbedingt einnehmen, wenn man bekannte Nierenprobleme hat. Bei Magenproblemen oder in Kombination mit Cortison (s. oben), sollte man immer einen „Magenschutz“ in Form von sogenannten Protonenpumpenhemmern einnehmen (mehr dazu unten).

Einnahme und Dosierung von Schmerzmitteln gegen Gicht

Bei der Einnahme und Dosierung kann man sich am Besten an den jeweiligen Packungsbeilagen der Medikamente orientieren. Auch in der Apotheke wird man sehr gut individuell beraten, wenn man noch andere Medikamente gleichzeitig einnehmen muss und Fragen zur gleichzeitigen Einnahme hat (z.B. morgens oder abends, mit einer Mahlzeit oder nüchtern).

Zum Abschluss noch eine kleine Entwarnung für alle, die Angst vor einer Schmerzmittel-Abhängigkeit haben: Diese Art von Schmerzmitteln (NSAR) macht nicht abhängig. Wenn in den Medien davon die Rede ist, dass man von Schmerzmitteln süchtig wird, dann sind meist Opioide gemeint.

3.      „Magenschutz“: PPI bei Gicht?

Auch wenn bei Gicht die Gelenkschmerzen im Vordergrund stehen, gehören Medikamente für den Magenschutz fest zur Schmerzmittel-Kombi dazu. Die kleinen Kapseln helfen nicht gegen Gicht, sondern bieten Schutz vor der häufigsten Nebenwirkung der stark dosierten Schmerzmittel: Während die Schmerzmittel ein Enzym hemmen, das Entzündungen und Schmerzen verstärkt, blockieren sie leider auch die Magenwand bei der Produktion von schützendem Schleim. In der Folge kann die Magensäure den Magen selbst angreifen, was zu Magenschmerzen und Magengeschwüren führen kann.

Die „Magenschutzmittel“ sind sogenannte Protonenpumpeninhibitoren, kurz PPI. Sie entfalten ihre Wirkung, indem sie in der Magenwand die Bildung von Magensäure hemmen. Die typischen Medikamente sind Omeprazol oder Pantoprazol.

Die Einnahme sollte morgens auf nüchternen Magen erfolgen, damit der schützende Effekt am besten greift. Man nimmt den Magenschutz täglich, solange man die Schmerzmittel und/oder das Kortison einnimmt.

Meistens sind diese Medikamente bei kurzer Anwendung für einige Tage gut verträglich. Allerdings führen sie bei längerem Gebrauch zu Nebenwirkungen. Denn normalerweise hält sich die Balance aus Magenschleim und Magensäure in einem natürlichen Gleichgewicht. Die Säure erfüllt dann ihre ursprüngliche Funktion in der Verdauung und Keimabtötung.

Deswegen gilt auch hier, dass man die sogenannten Magenschutz-Pillen nicht länger als nötig einnimmt – schließlich geht es hier um Gicht und nicht um Magenschleimhautentzündung.

4.      Akute Alternative: Colchicin

Für manche Menschen kommen weder Kortison noch Schmerzmittel in Frage. Dafür gibt es eine pflanzliche Alternative, die etwas aus der Mode gekommen ist. Das Colchicin ist ein Gichtmedikament, das aus dem Pflanzengift der Herbstzeitlosen gewonnen wird. Es hat ein schmaleres Wirkfenster, weshalb schon leichte Überdosierung zu unangenehmen Nebenwirkungen wie Durchfall, Übelkeit und Erbrechen führt.

Der Handelsname des Medikaments ist Colchicum dispert als Tablette oder Colchysat als Tropfen. 2019 kam es zu Lieferengpässen bei Colchicin Tabletten in deutschen Apotheken, worüber im Gichtforum berichtet wurde. Außerdem wurde die Dosierempfehlung endlich herunterkorrigiert, nachdem seit einigen Jahren schon bekannt ist, dass niedrigere Dosierung die gleiche Wirkung mit weniger Nebenwirkungen zeigt. [Terkeltaub et al. 2019]

Die Wirkung beim Gichtanfall tritt im Vergleich zu Schmerzmitteln oder Kortison deutlich langsamer ein. Manchen Betroffenen geht es bereits nach ein paar Stunden etwas besser, aber es kann auch bis zu einem Tag dauern.

Eine höhere Dosis beschleunigt den Wirkeintritt nicht und wirkt auch nicht besser gegen Gicht. Man bekommt nur mehr Nebenwirkungen und läuft bei einer Überdosierung Gefahr, sich auf sehr schmerzhafte und irreversible Art zu vergiften.

Um Colchicin richtig zu dosieren, hält man sich am besten an dieses offizielle Schema:

Tag 1 
Erste Einnahme:2 Tabletten bzw. 50 Tropfen
(entspricht 2-mal 0,5 mg = 1 mg Colchicin)
Nach zwei Stunden:1 Tablette bzw. 25 Tropfen
(0,5 mg Colchicin)
Nach zwei Stunden, falls weiterhin Schmerzen bestehen:1 Tablette bzw. 25 Tropfen
(0,5 mg Colchicin)

Man muss immer eine Pause von mindestens 2 Stunden einhalten und darf am ersten Tag nicht mehr als 4 Tabletten bzw. 100 Tropfen einnehmen.

Tag 22-3 mal 1 Tablette oder 25 Tropfen
Tag 32-3 mal 1 Tablette oder 25 Tropfen
Tag 42 mal 1 Tablette oder 25 Tropfen
Tag 5Colchicin Pause
Tag 6Colchicin Pause
Tag 7Colchicin Pause

Quelle: Deutsche Apotheker Zeitung.

5.      Salben gegen Gelenkschmerzen

Eine Salbe gegen Gicht kann kurzfristig eine sinnvolle Ergänzung sein, denn beim Gichtanfall sind meistens kleinere Gelenke betroffen. Zum Beispiel am großen Zeh oder am Knöchel kann man gut selbst Salbe auftragen.

Typischerweise nimmt man Voltaren Salbe bei Gicht, denn die Salbe enthält das Schmerzmittel Diclofenac (siehe oben). Natürlich gibt es in Apotheken auch günstigere Alternativen mit dem gleichen Wirkstoff. Damit hilft die Salbe gut gegen die Schmerzen im Gewebe rund um das entzündete, geschwollene Gelenk.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Wirkung bei Gicht eher mäßig ist im Vergleich zu Tabletten. Die Salbe gegen Gelenkschmerzen wirkt eher oberflächlich und zieht nicht so tief in das Gelenk hinein.

Um die Wirkdauer zu verbessern, kann man einen lockeren Verband mit der Gelenksalbe machen. Dazu wird die Schmerzsalbe auf die saubere Haut aufgetragen und mit einer Mullbinde locker umwickelt. Wichtig ist, dass kein Druck auf das geschwollene Gelenk ausgeübt wird (Schmerzen!) und der Verband noch Luft durchlässt (kein Okklusivverband). Nach ein paar Stunden sollte der Verband gewechselt werden.

Medikamente und Alternativen bei chronischer Gicht

1.      Harnsäure senken: Allopurinol oder Febuxostat

Nach dem Gichtanfall ist vor dem Gichtanfall – das merken viele Betroffene schnell. Um möglichst lange beschwerdefrei zu leben, ist es wichtig, die Harnsäure zu senken.

Übrigens: Während eines Gichtanfalls ist bei vielen der Harnsäure-Wert im Blut nicht erhöht. Sie schwanken im Tagesverlauf, sodass eine einzelne Messung „falsche“ Ergebnisse liefern kann. Die Ursache für die Gicht ist trotzdem ein längerfristig zu hoher Harnsäure- Spiegel im Blut.

Warum sollte man harnsäuresenkende Medikamente in Betracht ziehen, wenn man häufiger Gichtanfälle hat? Warum reicht es nicht, auf Fleisch und Alkohol zu verzichten? Der Grund für Medikamente gegen chronische Gicht ist folgender: Harnsäure gelangt auf zwei Wegen ins Blut – durch die Ernährung (ca. 30%) und durch körpereigenen Zellabbau (ca. 70%). Für manche reicht es, auf purinarme Ernährung umzusteigen, aber für viele reicht das nicht zum Vorbeugen von Gichtanfällen.

Das Mittel der ersten Wahl zur Harnsäuresenkung ist Allopurinol (siehe S3-Leitlinie). Die Wirkung vom Allopurinol-Wirkstoff beruht darauf, dass er die Umwandlung der körpereigenen Vorstufen zu Harnsäure hemmt. Die Vorstufen werden dann direkt über den Urin ausgeschieden. Das beugt der Ablagerung von Harnsäure in Form von Uratkristallen in den Gelenken vor.

Richtige Einnahme und Dosierung von Allopurinol

Die Harnsäure-senkende Therapie wird empfohlen, wenn man mehr als zwei Gichtanfälle pro Jahr hat. Man sollte die Einnahme von Allopurinol nicht beim akuten Gichtanfall beginnen, weil es im schlimmsten Fall den Gichtanfall verschlimmert, sondern frühestens 14 Tage danach. Auch direkt nach dem ersten Gichtanfall in seinem Leben sollte man keine Gicht-Therapie mit Allopurinol anfangen, sondern erst wenn es zu wiederkehrenden Anfällen kommt.

Anfangs nimmt man 100 mg Allopurinol täglich. Je nach der Höhe vom Harnsäure Wert im Blut wird die Allopurinol Dosis wöchentlich um 100 mg gesteigert. Üblich sind verschriebene Dosierungen von 100 – 300 mg Allopurinol täglich. Bei stark eingeschränkter Nierenfunktion kann der Hausarzt verschreiben, dass man nur jeden zweiten Tag Allopurinol 100 einnimmt. Wer extrem hohe Harnsäurespiegel und starke wiederkehrende Gichtprobleme bei gesunder Nierenfunktion hat, der kann auch höhere Dosierung verschrieben bekommen.

Hat Allopurinol Nebenwirkungen?

Allgemein hat Allopurinol ein gut verträgliches Nebenwirkungsprofil. Am häufigsten kann es bei 2% der Menschen zu einem Ausschlag kommen, am ehesten in den ersten Wochen. Der Ausschlag ist aber mild und geht wieder weg. Komplizierter wird es, wenn man bereits Vorerkrankungen an der Niere und/oder der Leber hat. In seltenen Fällen kann es viele Wochen nach der ersten Einnahme zu einer Überempfindlichkeitsreaktion kommen, bei der am ganzen Körper Hautausschlag und auffällige Blutwerte auftreten, u.a. erhöhte Leberwerte, was medizinisch behandelt werden muss [Lee et al. 2008].

Allopurinol absetzen?

Für Allopurinol braucht man Geduld: Die Einnahme von Allopurinol sollte für mindestens ein Jahr beibehalten werden. Experten raten erst nach frühestens 5 Jahren ohne Gichtanfall und mit Harnsäurespiegeln unter 7 mg/dL dazu, das Medikament abzusetzen. Dahinter steckt die Beobachtung, dass sich die Ablagerungen im Gelenk nur langsam zurückbilden und weiterhin einen Gichtanfall auslösen können. Vermutlich braucht es auch so lange, weil sich trotz der harnsäuresenkenden Therapie immer noch in geringem Ausmaß neue Ablagerungen in Form von Gicht-Tophi bilden können.

Wenn man nach ein paar Monaten Allopurinol absetzt, kann man durchaus für einige Zeit beschwerdefrei bleiben. Das heißt nicht unbedingt, dass die Gicht geheilt wurde. Es dauert eine Weile, bis sich neue Uratkristalle abgelagert haben und den nächsten Gichtanfall auslösen können.

Febuxostat als Allopurinol-Alternative?

Der Wirkstoff Febuxostat kann vergleichbar gut wie Allopurinol die Harnsäure senken, hat allerdings mehr Nebenwirkungen, ist weniger gut erforscht und ist teurer. Es wird aktuell laut Leitlinie nicht als Mittel der Wahl bei Gicht empfohlen. Der Wirkstoff gegen Gicht stellt eine Alternative für Menschen mit Nierenproblemen dar, weil er nur über die Leber abgebaut wird. Demensprechend macht Febuxostat bei Menschen mit Leberproblemen keinen Sinn, z.B. wenn die Gicht mit ausgeprägtem Alkoholkonsum zusammenhängt.

2.      Gichtanfällen vorbeugen: NSAR oder Colchicin?

In den ersten Monaten nach einem Gichtanfall bleibt das Risiko für einen weiteren Gichtschub erhöht, auch wenn man mit einer Harnsäure-senkenden Therapie beginnt. Darum empfehlen manche Ärzte bei häufigen Gichtattacken und spürbaren Gicht-Tophi in den Gelenken zusätzlich eine „Anfallsprophylaxe“. Damit sind Medikamente gemeint, die man anfangs für einige Monate einnimmt, um Anfällen vorzubeugen – bis die Wirkung der harnsäuresenkenden Therapie einsetzen kann.

Die Gicht-Vorsorge besteht aus den gleichen Medikamenten, wie beim akuten Gichtanfall:

  • Entzündungshemmende Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR, z.B. Naproxen 500mg / Tag, bei Bedarf kombiniert mit Magenschutz (siehe oben)
  • oder niedrigdosiertes Colchizin, z.B. 1 – 2 Tabletten mit 0,5 mg Colchicin pro Tag (2h Abstand und Colchicin-Pause beachten, siehe oben)

Die Vorsorge kann direkt mit dem Anfall oder danach weitergeführt werden. Wenn man sich dafür entscheidet, ist es sinnvoll, die Medikamente zum Vorbeugen mindestens 2 Monate und höchstens 6 Monate einzunehmen. Dann sollte die Wirkung von Ernährungsumstellung und Allopurinol ausreichen, um ein geringeres Gichtanfall-Risiko zu haben.

Man sollte sich auf jeden Fall individuell für die Alternative entscheiden, die man persönlich besser verträgt!

3.      Sauerkirsche als Ergänzung für Allopurinol

Aus einem alten Hausmittel gegen Gicht ist mittlerweile eine anerkannte Ergänzung in der Gicht-Therapie geworden: Sauerkirsch-Extrakt. Der Handelsname des Produkts ist Cherry Plus und ist in Form von flüssigem Konzentrat und getrockneten Kapseln in der Apotheke erhältlich.

In dem Extrakt ist die Kirschsorte Montmorency Sauerkirsche verarbeitet, die eine harnsäure-senkende Wirkung hat und Gichtanfälle vorbeugen kann. Während Allopurinol die Produktion von körpereigener Harnsäure unterdrückt, verstärkt die Sauerkirsche die Ausscheidung der Harnsäure über den Urin um 75%. Es gibt Studien dazu, dass sich der Effekt in der Kombination von Allopurinol mit Sauerkirsche gegenseitig verbessert. Während das Sauerkirsch-Konzentrat die Anzahl der Gichtanfälle im ersten Jahr um 45% senkt, kann die Kombination aus Allopurinol und dem Kirschextrakt durchschnittlich 75% der Gichtanfälle vorbeugen [Zhang et al. 2012].

Als Nebenwirkung kann es bei Anwendung des konzentrierten Kirschsafts bei Diabetikern zu Blutzuckerschwankung kommen, weshalb die Kapseln für Menschen mit Gicht und Diabetes besser geeignet sind.

Die Dosierung hängt ab von der Darreichungsform: Bei dem flüssigen Extrakt löst man 30ml in einem Glas Wasser auf. Für die Einnahme der Sauerkirsch-Kapseln gegen Gicht werden 2 Kapseln täglich empfohlen.

4.      Harnsäure ausscheiden: Urikosurika

Als Alternative zu Allopurinol existieren noch zwei Medikamente, die die Ausscheidung von Harnsäure im Urin fördern und als „Urikosurika“ bezeichnet werden. Die Wirkstoffe heißen Probenecid / Probenezid und Benzbromanon. Andere seltene Medikamente funktionieren ähnlich, indem sie die Niere beeinflussen, z.B. Lesinurad. Sie werden nur selten verschrieben, da es viele Einschränkungen und mögliche Nebenwirkungen bei diesen Harnsäure-senkenden Medikamenten gibt.

5.      Vitamin C gegen Gicht

Einen nachweislichen Effekt auf den Harnsäurespiegel hat Vitamin C. Allerdings fällt die Senkung des Harnsäurewerts nur sehr gering aus. Im Durschnitt sinkt der Wert um weniger als 1 mg/dl.

Die übliche Dosierung von Vitamin C gegen Gicht liegt bei 500mg am Tag. Das ist etwa das fünffache der in Deutschland empfohlenen Tagesdosis (siehe Deutsche Gesellschaft für Ernährung). Da die allermeisten Menschen hierzulande keinen Vitamin-C-Mangel haben und die Harnsäuresenkung so gering ausfällt, ist diese überdosierte Einnahme von Vitamin C gegen Gicht äußerst fraglich.

Was kann man selbst gegen die Gicht tun?

Medikamente regelmäßig einzunehmen ist die eine Sache. Dabei die Verantwortung für die eigene Gesundheit allein dem Arzt und der Pharmaindustrie zu überlassen, eine andere. Man kann immer etwas tun:

  • Sich über die eigene Erkrankung schlau machen und selbst „Gichtexperte“ werden!
    Hier im Gichtforum sind zahlreiche informative Artikel, in denen die Originalstudien (meistens auf Englisch) in den Quellen verlinkt sind.
  • Über den Verlauf der Therapie Notizen machen – vieles vergisst man sonst!
    • Wann tritt ein Gichtanfall auf? Wie lange war die beschwerdefreie Zeit?
    • Welche Medikamente / Nahrungsergänzungsmittel / Dosierung wurden eingenommen, an welchen Tagen vergessen?
    • Wann war man bei welchen Ärzten und wie oft musste man sich wegen der Gicht eine Krankschreibung holen?
    • Wie haben sich die Beschwerden verbessert oder verschlechtert?
  • Ernährung hinterfragen und schrittweise verbessern! Die besten Medikamente können keine ungesunde und purinreiche Ernährung ausgleichen. Mit kleinen Veränderungen kann man die Harnsäure senken, Entzündungen hemmen, die Gicht bekämpfen. Mehr dazu im Kapitel Ernährung bei Gicht.

Fazit: Medikamente bei Gicht

Die Gicht ist bis heute nicht heilbar, aber sehr gut therapierbar.

Beim beginnenden Gichtanfall mit starken Gichtbeschwerden sollte man nicht lange zögern und einen Hausarzt aufsuchen. Als Medikamente kommen in Frage:

  • Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR
  • Entzündungshemmer aus der Gruppe der Glucocorticosteroide
  • Als Ergänzung Magenschutz aus der Gruppe der Protonenpumpeninhibitoren
  • Alternativ: Das Pflanzengift Colchicin

Um die wiederkehrende Gicht zu behandeln, werden Medikamente zur Senkung der Harnsäure eingesetzt. Ihre Wirkung kann sich erst nach Monaten voll entfalten, weil abgelagerte Uratkristalle in den Gelenken nur langsam abgebaut werden können.

  • In den ersten 2-6 Monaten kann eine „Anfallsprophylaxe“ aus NSAR-Schmerzmitteln oder niedrig dosiertem Colchicin genommen werden
  • Für mindestens 1-5 Jahre kann Allopurinol die Neubildung von Harnsäure hemmen. Möglicherweise muss man das Medikament lebenslang einnehmen
  • Pflanzliche Mittel wie die Montmorency Sauerkirsche und Vitamin C können die Harnsäure zusätzlich senken
  • Es gibt alternative Medikamente wie Febuxostat, Probenecid oder Benzbromanon, welche aber nur in besonderen Fällen vom Facharzt verschrieben werden.
  • Man kann viel selbst tun, um die eigene Gesundheit zu fördern

Quellen

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Engel, B., Prautzsch, H. (2013). Akute Gicht in der hausärztlichen Versorgung, AWMF-Registernr. 053/032b Klasse S1. Hrsg: Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. URL: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/053_032bl_S1_akute_Gicht_2014-05.pdf (abgerufen Februar 2020)

Engel, B., Prautzsch, H. (2019). Häufige Gichtanfälle und chronische Gicht. S2e-Leitlinie, AWMF-Register-Nr. 053-032a, DEGAM-Leitlinie Nr. 23a. URL: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/053-032al_S3_Haeufige-Gichtanfaelle-chronische-Gicht_2020-02.pdf (abgerufen Februar 2020)

Gresser, U. (2003) Diagnose und Therapie der Gicht. In: Dtsch Arztebl 2003; 100(44): A-2862 / B-2379 / C-2235. URL: https://www.aerzteblatt.de/archiv/39139/Diagnose-und-Therapie-der-Gicht (abgerufen Februar 2020)

Jacob, R. A., Spinozzi, G. M., Simon, V. A., Kelley, D. S., Prior, R. L., Hess-Pierce, B., & Kader, A. A. (2003). Consumption of cherries lowers plasma urate in healthy women. The Journal of Nutrition, 133(6), 1826–9. Retrieved from http://jn.nutrition.org/content/133/6/1826.full.pdf+html

Lee, HY., Ariyasinghe, JT., Thirumoorthy, T.: Allopurinol hypersensitivity syndrome: a preventable severe cutaneous adverse reaction? Singapore Med J 2008; 49: 384–7. MEDLINE

Müller, C. (2019). Dosisreduktion – Colchicin bei Gicht wird sicherer. Deutsche Apotheker Zeitung, 22.02.2019. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2019/02/22/colchicin-bei-gicht-wird-sicherer/chapter:all

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