Oh du Schmerzhafte – Gicht in der Weihnachtszeit

Auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein getrunken, eiskalte Füße gekriegt, vielleicht noch zum Gänse essen oder zur Feuerzangenbowle?  Am nächsten Morgen glüht stattdessen der große Zeh und verursacht starke Schmerzen? Blickdiagnose: Gicht. Was die Ursachen für einen Gichtschub in der Vorweihnachtszeit sind und wie man die Feiertage trotzdem gut übersteht, hier im Überblick.

Symptome einer Gichtattacke

Ob es sich bei den winterlichen Gelenkschmerzen um einen Gichtschub handelt, lässt sich anhand einiger Symptome leicht selbst einschätzen: Wenn ein Gelenk vorher keine Beschwerden bereitet hat und nicht verletzt wurde, aber plötzlich die Schmerzen im Gelenk stark zunehmen, kann dies für einen Gichtanfall sprechen.

Bei 90% der Betroffenen ist nur ein einziges Gelenk betroffen, meistens das Großzehengrundgelenk am großen Zeh, teilweise das Knie oder in der Hand. [1] Dabei wirkt das Gelenk stark entzündet, ist gerötet, heiß, angeschwollen, sehr empfindlich und schränkt das Gehen ein.

Warum jetzt? Die Ursachen des Gichtanfalls

Hinter den Gelenkschmerzen verbirgt sich ein ganz anderes Stoffwechselproblem. Bei Gicht handelt es sich um eine Erkrankung, bei der erhöhte Harnsäurewerte im Blut (“Hyperurikämie“) zu entzündlichen Ablagerungen im Gelenk führen („Arthritis urica“). Die erhöhte Harnsäure stammt aus dem Abbau von sogenannten Purinen. Sie werden sowohl vom eigenen Körper gebildet als auch über bestimmte Lebensmittel aufgenommen.

Wie viele körpereigene Purine zu Harnsäure abgebaut werden, können Sie leider nicht direkt beeinflussen: Die Purine sind Bestandteil der DNA, sprich des Erbmaterials, und damit in jeder Zelle zu finden. Im Rahmen von ständigen Auf- und Abbauprozessen fallen permanent Purine im Körper an, die zur Harnsäure abgebaut werden. Diese wird ins Blut abgegeben und über die Niere mit dem Urin ausgeschieden.

Bei den allermeisten Menschen mit Gicht ist die Harnsäure-Ausscheidung verringert – selbst bei normaler Nierenfunktion. [2]

Wenn zusätzliche Purine aus Essen & Getränken zu vermehrter Harnsäure abgebaut werden, kann das den Harnsäurespiegel im Blut zusätzlich kräftig ansteigen lassen.

„Feiern & Fasten“ – diese Lebensmittel sind kritisch bei Gicht

  • Besonders viele Purine verstecken sich im Fleisch, also z.B. im Gänsebraten und Wurst.
  • Bei den Süßigkeiten kann der enthaltene Fruchtzucker (Fructose) indirekt die Harnsäure anheben. Gerade in der Weihnachtszeit ist da die Liste an möglichen Auslösern lang: Plätzchen mit Zuckerguss, Schoko-Nikolaus, Marzipan, Christstollen…
  • Gesüßte Getränke enthalten meisten sauch viel Fructose, egal ob süßes Kakaopulver, Karamellsirup, Honig oder Agavendicksaft. Normaler Haushaltszucker besteht zu 50% aus Fruchtzucker!
  • Alkohol ist ein zusätzlicher Auslöser für den Gichtschub. Bei vielen winterlichen Favourites wie Glühwein, Feuerzangenbowle und Weihnachtsbier ist die Belastung sogar doppelt – Alkohol & Fructose oder Alkohol & Hefe (viele Purine!).

Eiskalt erwischt – Gicht im Winter

Wenn es draußen kälter wird, frieren als erstes die Hände und Füße. Dort bilden sich typischerweise auch die ersten Gichtbeschwerden. Dahinter steckt ein einfaches physikalisches Phänomen: Bei normaler Körpertemperatur von 37°C schwimmen bis zu 6,4 mg/dl Harnsäure im Blut in gelöster Form und bereiten keine Schwierigkeiten. [2]

Sinkt die Temperatur, wird die Löslichkeitsgrenze überschritten und die Harnsäure geht in die feste Kristallform über, vergleichbar mit gefrorenem Wasser. Diese „Urat-Kristalle“ lagern sich in den kalten Gelenken ab und lösen dort die massive Entzündung aus.

Erste Hilfe – den Gichtanfall behandeln

Einen akuten Gichtanfall sollte man so schnell wie möglich behandeln. Zum einen sollte man das Gelenk schonen und gut kühlen. Hausmittel wie kalte Quarkwickel können vorübergehend Linderung bieten, um den Weg zum Hausarzt anzutreten. Der richtige Arzt ist die erste Anlaufstelle um die Diagnose bestätigen und die effektive Therapie mit Medikamenten einzuleiten. Das ist wichtig, denn unbehandelt dauert der Gichtschub sonst die halbe Adventszeit (siehe Wie lange dauert ein Gichtschub“).

Langfristige Hilfe – Gichtschub vorbeugen

Um das Risiko für eine Gichtattacke niedrig zu halten, gibt es ein paar Grundregeln für’s ganze Jahr:

  • Die Ernährung auf purinarme Lebensmittel umstellen um die Harnsäure zu senken
  • Statt Alkohol viel Wasser & ungesüßte Tees trinken (mind. 2 Liter Flüssigkeit pro Tag)
  • Natürliche Hilfsmittel gegen Gicht einbeziehen, z.B. Montmorency Sauerkirsche
  • Langfristig verschriebene Gichtmedikamente mindestens 1 Jahr einnehmen um alle Kristall-Ablagerungen abzubauen
  • Bei Übergewicht: Langsam abnehmen, ohne extremes Fasten und ohne knallhartes Training
  • Füße und Hände gut warmhalten und vor Kälte schützen

Purinarme Alternativen auf dem Weihnachtsmarkt

Auch mit Gicht lässt sich ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt genießen, wenn man die richtigen Alternativen wählt. Von Ernährungsexperten wird eine Höchstmenge von maximal 400 mg Harnsäure pro Tag aus der Ernährung empfohlen. Auf dem Weihnachtsmarkt wird die Obergrenze schnell gesprengt. Das lässt sich mit einem Purinrechner am einfachsten nachvollziehen.

Hier unsere 4 weihnachtlichen Genießer-Tipps gegen Gicht:

  • Maronen statt gebrannten Mandeln: Die heißen Esskastanien sind nicht nur überaus köstlich, sondern auch kalorienärmer und gesund. Eine Portion mit 100g gerösteten Maroni enthält nur etwa 14 mg Harnsäure, gebrannte Mandeln jedoch das doppelt- bis dreifache.
  • Crêpes mit Marmelade statt Grand Marnier – ein hauchdünner, französischer Crêpe enthält im Grundrezept nur ca. 10 mg Harnsäure. Je nach Wunschbelag kann man locker Purine und Kalorien reduzieren, ohne am Genuss zu sparen. Ein Klassiker wäre Crêpe mit Marmelade (z.B. 20 g Erdbeermarmelade = 2 mg Harnsäure) oder mit Nutella (ca. 20 g Nutella enthalten 10 mg Harnsäure).
    Weniger empfehlenswert ist die Doppel-Kombi mit Nutella & Banane (1/2 Banane = 60g = +27mg Harnsäure; Gesamt: fast 50mg Harnsäure). Gänzlich abzuraten ist von allen alkoholischen Crêpes mit Amaretto & co.
  • Reibekuchen statt Bratwurst: Zwei große Kartoffelpuffer mit Apfelmus bringen nur ca. 23 mg Harnsäure auf den Tisch! Zum Vergleich, eine große Bratwurst mit Brötchen und Senf entsprechen katastrophalen 204 mg Harnsäure.
  • Tee statt Glühwein mit Schuss: Zum Warmhalten und Spaß haben, braucht man keinen Glühwein. Gerade in der Adventszeit stehen außergewöhnliche Teemischungen wie z.B. Spekulatiustee zur Auswahl, um besinnliche Stimmung aufkommen zu lassen.

Fazit: Ohne Gicht durch den Winter

  • Gicht tritt oft zum ersten Mal in der Weihnachtszeit auf, wenn die typischen Risikofaktoren aufeinandertreffen: Festessen, Zucker, Alkohol, Kälte.
  • Ursache für die Gelenkschmerzen ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der überschüssige Harnsäure zu wenig ausgeschieden wird. Ein Gichtschub gehört in schnelle ärztliche Behandlung, um weitere Schmerzen und langfristige Gelenkschäden zu verhindern
  • Die Diagnose Gicht muss einem nicht die Adventszeit verregnen. Es gibt zahlreiche köstliche Alternativen auf dem Weihnachtsmarkt, die zu einer purinarmen Ernährung passen.

Quellen

[1] Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (2013). Akute Gicht in der hausärztlichen Versorgung, S1-Handlungsempfehlung. URL: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/053_032bl_S1_akute_Gicht_2014-05.pdf , abgerufen Oktober 2019.

[2] Gresser, Ursula (2003). Diagnose und Therapie der Gicht. Deutsches Ärzteblatt 2003; 100: A 2862–2870 [Heft 44]. URL: https://www.aerzteblatt.de/archiv/39139/Diagnose-und-Therapie-der-Gicht, abgerufen Oktober 2019.

[3] Purinrechner: http://www.ysat.de/purinrechner.html